Elīna Garanča – Eine geborene Diva
Das Jahr 2006 war ein Meilenstein für die lettische Mezzosopranistin Elīna Garanča. Sie feierte ihren 30. Geburtstag, heiratete und erfüllte sich durch den Abschluss eines Vertrags mit Deutsche Grammophon einen lang gehegten Traum. Wie ein Schnappschuss hält ihre erste Aufnahme für das gelbe Etikett diesen Augenblick in ihrem Leben fest – ein Bild einer vielseitigen jungen Sängerin, die an den internationalen Opernhäusern bereits Begriff ist.
Elīna Garančas Programm bringt die Fülle und die Legato-Qualitäten einer Stimme zur Geltung, in der sich Flexibilität und mühelose Koloraturen zunehmend mit dramatischem Ausdruck paaren. Es gibt hier Eckpfeiler des Mezzo-Repertoires wie Charlottes herzzerreißende Briefszene aus Massenets Werther, die bravourösen Koloraturen von Aschenbrödels großer Arie aus Rossinis La Cenerentola und die schillernden Klänge des Terzetts und Duetts aus dem dritten Akt von Strauss’ Rosenkavalier. Aber es gibt auch Kostproben der geistreichen Operette (Offenbachs La Grande-Duchesse de Gérolstein) sowie einen Ausflug ins Sopranfach mit Villa-Lobos’ bezauberndem Bachianas brasileiras Nr. 5. »Ich habe ein Programm gewählt, das die Entwicklung meiner Stimme zeigt und einige meiner jetzigen oder künftigen Opernrollen herausstellt«, erklärt Elīna Garanča. »Ich denke auch an das internationale Publikum und singe daher italienische, französische, deutsche und spanische Stücke. Alle Zuhörer sollen sich von dieser CD angesprochen fühlen.«
Elīna Garanča wurde 1976 in Riga als Kind einer musikalischen Familie geboren. Zunächst wollte sie dem Vorbild einer ganz anderen Art von Diva nacheifern: »Ich sang zu Schallplatten von Mariah Carey und Whitney Houston und wollte zum Musical. Aber das war einfach nicht möglich. Damals brach gerade die Sowjetunion zusammen – ich hätte in Estland oder Finnland studieren müssen, aber meine Mutter wollte nicht, dass ich schon so jung ins Ausland gehe. Nach Beendigung der Schule dachte ich also: ›Gut, dann werde ich eben Opernsängerin.‹« An die Stelle von Whitney und Mariah trat Joan Sutherland. »Mit 17 legte ich Sutherlands Platte mit ›Casta diva‹ auf und sang bei geöffneten Fenstern lautstark mit, bis die Nachbarn schrien, ich solle endlich aufhören!«
Noch während ihres Studiums hatte sie 1998 ein entscheidendes Erlebnis: Nach nur zehn Tagen Vorbereitungszeit sang sie die Rolle der Giovanna Seymour in Anna Bolena und entdeckte eine tiefe Affinität zum Belcanto-Repertoire. »Es war eine griechisch-rumänische Koproduktion in Wien, wo ich gerade an einem Wettbewerb teilnahm. Ich erhielt einen Anruf, dass Agnes Baltsa krank sei und Vesselina Kasarova kürzlich ein Baby bekommen habe – ob ich einspringen könne? Im Nachhinein erscheint das absolut verrückt, zumal ich noch nie auf einer professionellen Bühne gestanden hatte. Aber so begann es tatsächlich, und diese erste Rolle hat mich geprägt. Der Belcanto ist so ungeheuer schön.«
Überraschenderweise findet Elīna Garanča, dass diese Kunst des »schönen Gesangs« am besten im Repertoire des iberischen Sprachraums zur Geltung kommt – aber gibt es denn ein Gesangsstück mit einem geschmeidigeren Legato als Villa-Lobos’ berühmtes Bachianas brasileiras Nr. 5 für Sopran und acht Cellos, das hier in einem üppigen Arrangement für volles Streichorchester erklingt? Mit dem Madrigal über ein volkstümliches Thema stattet die Sängerin auch Xavier Montsalvatges Heimat Katalonien einen Besuch ab, die reizende Zarzuela-Nummer »Carceleras« aus Las hijas del Zebedeo dagegen ist spanisch. »Ich freue mich besonders, dass auch spanisches Repertoire dabei ist«, sagt Elīna Garanča. »Schon als Kind habe ich Spanien geliebt – die Sprache, die Musik, die Rhythmen.«
Ein Querschnitt durch das Belcanto-Repertoire der Mezzosoprane wäre sicher unvollständig ohne Rossinis La Cenerentola. »Die Rolle der Angelina – der Cenerentola – verkörpere ich so gern, weil ihr Charakter sich wirklich vom Anfang der Oper bis zum Ende weiterentwickelt. Sie kann unterwürfig und traurig sein, aber auch zornig und lebhaft, und sie kann sich behaupten. Ich liebe ihre Schlussszene ›Nacqui all’affanno‹, in der sie von so vielen Gefühlen erfüllt ist – Stolz, Verzeihen, Freude.«
Elīna Garanča wächst rasch ins dramatische Mezzofach mit Partien wie Carmen, Eboli und Charlotte. »Charlotte ist eine der wenigen dramatischen Rollen, die im Moment für mich in Frage kommen, und auch das nur selten, denn ich bin tatsächlich nach einer Aufführung von Werther viel erschöpfter als beispielsweise nach Così fan tutte. Aber Charlottes Vielschichtigkeit gefällt mir. Für mich ist Charlotte nicht einfach ein folgsames Mädchen, das auf Wunsch ihrer Familie Albert heiratet. Sie spielt mit Werthers Gefühlen, wenn sie sagt: ›Ich kann dich nicht lieben, aber komm Weihnachten zurück und besuche mich.‹ In meinen Augen manipuliert sie – bewusst oder unbewusst. Je komplexer ich diese Figur gestalten kann, desto überzeugender wirkt sie für das Publikum.«
Hosenrollen sind eine weitere Domäne Elīna Garančas – etwa der geheimnisvolle, androgyne Nicklausse in Les Contes d’Hoffmann oder Strauss’ leidenschaftlicher, feuriger Octavian, mit dem sie Triumphe gefeiert hat, insbesondere 2006 in der hoch gelobten Produktion der Wiener Staatsoper. In der ergreifend schönen Musik am Schluss des dritten Akts, die von verlorener und gefundener Liebe handeln, waren hier Diana Damrau und Adrianne Pieczonka ihre Partnerinnen. Sie verkörperten Sophie bzw. die Marschallin bereits in Wien und München und ernteten den Beifall der Kritik. Aber wie schafft es eine schöne, feminine Sängerin, sich für die Opernbühne in einen jungen Mann mit Männerkleidung und einem männlichen Charakter zu verwandeln?
»Als ich mit meinen ersten Hosenrollen begann, setzte ich mich manchmal in den Park oder neben den Fußballplatz oder Freitagabend in eine Bar und beobachtete die Männer – wie sie sprechen und sich bewegen, ihre Art zu sitzen oder zu stehen und zu gestikulieren. Mein Mann findet diese Angewohnheit etwas entnervend – dass ich dauernd die Menschen beobachte und ihre typischen Verhaltensweisen studiere. Aber ich bringe all diese Beobachtungen in die Darstellung der jeweiligen Rolle ein, ob sie heiter oder tragisch ist – und mir ist es egal, ob die Leute mit mir oder über mich lachen! Das gehört alles dazu, wenn man lebensnahes Theater schaffen will. Für mich gehören Gesang und Darstellung zusammen. Auf der Opernbühne kann das eine nicht ohne das andere existieren.«
Von Elīna Garanča hieß es einmal, sie verfüge über »ein schwebendes, zum Sterben schönes hohes Pianissimo« – hat es sie nie gereizt, als Primadonna die großen Sopranrollen zu verkörpern? »Vor ein paar Jahren stand ich vor dieser Entscheidung. Und vielleicht möchte ich eines Tages Tosca, Fiordiligi oder Vitellia singen; aber dem Wesen nach fühle ich mich glücklicher als Mezzosopran. Es hat auch viel mit dem Ego zu tun. Man muss wissen, dass man als Mezzo – wenn die Oper nicht gerade Carmen oder La Cenerentola heißt – in jeder Aufführung höchstens die Nummer Drei ist, denn zuerst kommen immer der Sopran und der Tenor. Wenn eine Sängerin sehr um ihren Rang besorgt ist, wird sie vielleicht daran arbeiten, ins Sopranfach zu wechseln, wenn ihr diese Möglichkeit offen steht. Aber das reizt mich nicht. Rollen wie Gilda oder Lucia passen einfach nicht zu meinem Charakter. Sie sind Opfer, und ich habe keine Lust, Abend für Abend am Schluss der Oper einen tragischen Tod zu sterben. Ich bin lieber die Mörderin!«
Wer also meint, der Mezzosopran sei das Aschenputtel der Stimmen und nur dazu da, im Dunkel den Boden zu fegen, während der Sopran den Beifall entgegennimmt, sollte auf Elīna Garanča Acht geben. Wie Rossinis Cenerentola triumphiert am Schluss auch diese schöne, wandlungsfähige Sängerin.
Emma Baker
10/2006
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